schirachs „terror“ im alten schauspielhaus

Klarer Fall mit offenen Fragen
Im Alten Schauspielhaus kommt Ferdinand von Schirachs „Terror“ auf die Bühne

Ist es gerechtfertigt, ein Flugzeug abzuschießen, das von Terroristen entführt wurde und auf ein vollbesetztes Stadion zu rast? „Nein“, entschied 2006 das Bundesverfassungsgericht, „Ja“, meint ein Bundeswehr-Pilot im Stück „Terror“ das am 5. Februar 2016 im Alten Schauspielhaus Premiere feierte.

Mit „Terror“ legt der Autor und ehemalige Strafverteidiger Ferdinand von Schirach sein erstes Bühnenstück vor und konstruiert einen eindringlichen Fall, der seit dem 11. September 2001 durchaus Realität werden könnte und als das Erfolgsstück der laufenden Theatersaison gilt: eine Lufthansa-Maschine wird von einem mutmaßlich islamistischen Terroristen gekapert und nimmt Kurs auf die ausverkaufte Allianz-Arena, wo gerade 70.000 Menschen beim Länderspiel Deutschland gegen England mitfiebern. Laut realem Notfallplan steigt in diesem Fall ein Eurofighter einer deutschen Flugrotte auf, der in wenigen Minuten jeden Ort des Landes erreicht.

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Auch im Stück flankiert ein Pilot der Bundeswehr das gekaperte Flugzeug mit Sichtkontakt etwa 20 Minuten lang. Kontakt per Funk gibt es dagegen keinen und damit auch keine Hinweise auf die Situation in der Lufthansa-Maschine. Der diensthabende General, der German Air Defence Commander, entscheidet, ob das Flugzeug abgedrängt werden soll und weil die Maschine ihren Kurs hält, bespricht der DC weitere Schritte mit dem Bundesverteidigungsministerium – von dort kommt ein klares Signal: kein Abschuss des Lufthansa-Flugzeugs. Trotzdem schießt Lars Koch, Major der Luftwaffe und Pilot des Abfangjägers kurz vor München den Flug LH 2047 mit 164 Passagieren an Bord ab.

Staatsanwaltschaft, Verteidiger, Richter, eine Nebenklägerin und Zeugen verhandeln den Fall nun „öffentlich“ vor Theaterpublikum – die Zuschauer werden zu Geschworenen und Enthaltungen gibt es nicht, denn nach der Vorstellung wird abgestimmt: schuldig oder nicht?

„Das Stück ‚Terror‘ ist erst einmal eine Gerichtsverhandlung“, sagt Harald Demmer, Regisseur und Schauspieldirektor am Pfalztheater in Kaiserslautern, der für die Inszenierung am Alten Schauspielhaus mal wieder einen „Ausflug“ nach Stuttgart gemacht hat. Für seine Version von „Terror“ verzichtet Demmer bewusst auf Musik, Videoeinspielungen oder andere theatralische Mittel und vertraut sich von Schirach an, der meisterhaft mit klugen Argumenten spielt, in allerfeinsten Nuance verhandelt und dadurch Spannung aufbaut. Trotz klarer Fakten und nachvollziehbarem Plädoyer der Staatsanwaltschaft bleiben dringende Fragen, zum Beispiel die nach persönlicher Verantwortung.

Egal, wie sich jeder einzelne Zuschauer entscheidet – die Botschaft von der Bühne ist klar: die Würde des Menschen ist unantastbar, deshalb sollte geltendes Recht stets neu hinterfragt werden, damit es als ethisches Fundament für eine Gemeinschaft taugt – ein Prozess, der deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt, als eine Gerichtsverhandlung dauert. „Wir gehen davon aus, dass es zu ‚Terror‘ viel Redebedarf gibt, deshalb bieten wir nach einzelnen Aufführungen Gespräche an“, verspricht Harald Demmer. Die deutschlandweiten Abstimmungsergebnisse zu „Terror“ gibt es übrigens im Internet: terror.kiepenheuer-medien.de

Termine und weitere Infos: www.schauspielbuehnen.de

Foto: Schauspielbühnen Stuttgart

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